Christian Lindner im Interview mit Shopware

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Christian Lindner ist Bundesvorsitzender der FDP und gilt als Vorbildfunktion der deutschen Gründerszene. Als Hauptbühnenspeaker des Shopware Community Day 2017 angekündigt, konnte Christian Lindner aufgrund aktueller Koalitionsverhandlungen leider nicht teilnehmen. In unserem Interview hat er sich dennoch klar zu unserem Thema "Hello Human" und der Digitalisierung von Unternehmen geäußert. 

Mit nur 18 Jahren hat er sein erstes Unternehmen gegründet. Als Spitzenpolitiker der FDP hat er Deutschland eine gründerfeindliche Kultur vorgeworfen, dem er entgegenwirken will. Im Interview haben wir geklärt, was er jungen Startups rät und worauf es ihm beim Onlineshopping ankommt.

Herr Lindner, viele wissen es wohl nicht, aber Sie waren eine Art Pionier des kundenzentrierten Onlineshoppings. Ihre zweite Firmengründung hatte zum Ziel, Kunden von Onlineshops mit sprachgesteuerten Avataren zu helfen. Das war 2000. Heute gehören Chatbots wie selbstverständlich in die Internetlandschaft. Waren Sie Ihrer Zeit voraus?

Unsere Vision war, das Internet mit natürlicher Sprache auf mobilen Devices zu steuern. Zur Zeit von WAP und Nokia 7110 war das natürlich technisch sehr ambitioniert... Der Chatbot mit Gesicht wäre ein Zwischenschritt gewesen.

Die Dotcom-Blase hat Ihnen im Januar 2002 einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert?

Ja, eine zweite Finanzierungsrunde war von Gründung an geplant. Aber ab Sommer 2001 war das nicht mehr realistisch. Damals hat mein Umfeld kaum Notiz genommen. Meine berufliche Existenz war meine Werbeagentur, aus dem Startup war ich zum Zeitpunkt der Insolvenz bereits länger ausgeschieden. Unser Investor hatte zuvor über eine Kapitalerhöhung die Kontrolle übernehmen wollen, aber gegen den Markt konnte auch er nicht agieren. Ein Thema wurde mein Startup-Abenteuer erst später, als politische Gegner von links das skandalisieren wollten. 17 Jahre ist das alles her, aber dennoch posten Spaßvögel online unter jeden Artikel über meine politische Arbeit etwas dazu.

Spiegel Online hat Sie mal als „Schutzheiligen für Gründer und solche, die es mal waren“ bezeichnet. Wie nehmen Sie einem jungen, gründungswilligen Menschen die Angst?

Indem wir offensiv für zweite Chancen werben. Anerkennung für Leistung, Respekt aber auch gegenüber denjenigen, die zumindest etwas versucht haben. Neid und Häme sind ganz schlechte Charakterzüge. Wenn wir dagegen angehen, wird das Land nicht nur wirtschafts- und gründerfreundlicher. Es wird auch lebenswerter.

Sie habe schon im Alter von 18 Jahren eine eigene Werbeagentur gegründet. Heute sind Sie Politiker. Hat Ihnen die Marketing-Erfahrung bei der Neuausrichtung der FDP 2013 geholfen?

Nicht wirklich. Die Neuausrichtung hat mit Marketing eigentlich nichts zu tun. Im Kern haben wir die Frage gestellt, warum wir selbst einmal Freie Demokraten geworden sind und nicht zu CDU oder SPD gegangen sind. Wir haben gefragt, warum es die FDP überhaupt gibt. Die Antwort ist eine Haltung zum Leben, der Wunsch nach Selbstbestimmung, Freude an den Ergebnissen der eigenen Schaffenskraft, Großzügigkeit gegenüber anderen, Neugier auf die Welt und neue Technologien. Wir haben einfach das positivste Menschenbild. Die Linken glauben, dass der Menschen schwach und anleitungsbedürftig ist – daher ein Leben mit den Stützrädern des Wohlfahrtsstaats. Die Konservativen glauben, dass der Mensch böse und verführbar ist – daher Law and order. Wir glauben, dass die Menschen die besten Experten für ihr Leben sind und von Natur aus zuerst vernünftig sind.

Der Chef eines Darmstädter Software-Unternehmens hat mal gesagt, dass Digitalisierung kein Selbstzweck sein darf, sie muss immer dem Menschen dienen. Ab wann geht die Digitalisierung am Menschen vorbei?

Ich weiß nicht genau, was das bedeuten soll. Für mich ist die Digitalisierung eine großartige Möglichkeit für mehr Teilhabe, mehr Produktivität, mehr Komfort, mehr Effizienz. Wir neigen in Deutschland dazu, den Wandel überwiegend kritisch zu sehen. Immer nur die Risiken. Wie wäre es mal damit, die Chancen zu betonen und zu ergreifen?

Haben Sie ein Beispiel aus Ihrer täglichen Erfahrung? Deutschland und Nordrhein-Westfalen sind ja nicht gerade Musterschüler im Bereich eGovernment…

Eben. Wir nutzen das zu wenig. In Estland kann man die Steuererklärung online in drei Minuten machen. So schnell kann man noch nicht einmal den berühmten Bierdeckel beschriften.

Nochmal zurück zum Onlineshopping: Worauf kommt es Ihnen persönlich beim Einkaufen im Internet an?

Auf das Tempo. Wenn ich mich durch x Formulare klicken muss, dann bin ich weg. Und wenn die Rücksendeoption kompliziert ist, dann bestelle ich auch kein zweites Mal.

Was glauben Sie, wie und wo werden wir in zehn oder 15 Jahren einkaufen?

Alltagsprodukte immer mehr online. Im Einzelhandel wird das Erlebnis, der Unterhaltungswert entscheidend sein. Zumindest wenn ich von meinen Präferenzen auf andere schließe.

Das umfassende Interview und weitere Infos zum vergangenen Shopware Community Day erhaltet Ihr in Kürze in einem umfassenden Recap.

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